Die Philharmonia Frankfurt und Dirigent Juri Gilbo zu Gast bei Klassik an der Donau
Von Dr. Bernhard Stoffels
Musik der späten Romantik und Filmmusik – das passt ganz gut zusammen, da in der Filmkomposition das farbenreiche Orchester und die emotionale Klangsprache des späten 19. Jahrhunderts schon seit langem genutzt wird. Dementsprechend packte das diesjährige Programm des Klassik an der Donau-Festivals das Publikum in der Straubinger Fraunhoferhalle vom ersten Moment an, als im Klavierkonzert von Edvard Grieg Solist Evgeny Konnov markige Akzente mit seinen über einem Paukenwirbel absteigenden Oktaven setzte.
Der Pianist gestaltete seinen Solopart mit großer Intensität, meisterte die virtuosen Herausforderungen wie in der Solokadenz bravourös und erfüllte die lyrischen Partien mit leuchtender Farbe durch Hervorhebung der Oberstimme.
Auch die Philharmonia Frankfurt unter Juri Gilbo trug ihren Teil zum Gelingen des a-Moll-Konzerts des norwegischen Komponisten bei. Die ersten Takte nach dem Klaviersolo wirkten zwar (nicht zuletzt durch die Saalakustik) noch etwas „trocken“, doch spätestens mit dem „saftig“-sanglichen Cello-Thema war das Orchester ganz in der romantischen Klangsprache angekommen. Konzentriert begleitend und mit einfühlsamen Dialogen von Orchestersoli und Klavier überzeugte das Orchester bis in die letzten Takte des furiosen Finales.
Die 5. Sinfonie von Tschaikowsky wurde von Juri Gilbo und der Philharmonia Frankfurt ebenfalls mit romantischer Leidenschaft und einem großen Spannungsbogen präsentiert, wie es dieser „Schicksalssinfonie“ gebührt. Mit einem „Zug nach vorne“ verlieh Maestro Juri Gilbo vielen Passagen Stringenz. Allerdings hätte man sich gerade an manchen komplex komponierten Stellen im 1. und 3. Satz oder bei der innigen Meditation des 2. Satzes ein etwas zurückhaltenderes Tempo gewünscht, um die Vielschichtigkeit der Komposition beziehungsweise die Kantabilität mehr wirken und schwingen zu lassen. Zudem beeinflusste die schwierige Akustik der Halle die Klangbalance, etwa beim wichtigen Klarinettensolo in tiefer Lage zu Beginn („Schicksalsmotiv“) zur etwas zu dominanten Streicherbegleitung.
Nichtsdestotrotz kam die Grundbotschaft des bekenntnishaften und zutiefst emotionalen Tschaikowsky-Werkes beim Publikum sehr gut an. Dass auf zwei große Werke vor der Pause im zweiten Teil noch ein ausgiebiges Filmmusik-Programm folgte, machte den Abend ungewohnt lang und forderte die Musiker in ihrer Konzentrationsfähigkeit durchaus heraus. Für das Publikum allerdings war der Filmmusik-Teil sehr kurzweilig und äußerst dankbar.
Das lag zum einen an gelungenen Höhepunkten wie der „Moon River“-Melodie aus „Breakfast at Tiffany’s“ mit einem beeindruckenden Trompetensolo und spannungsvoll gestalteten Hits wie „Conquest of Paradise“ (aus „1492“), „James Bond-Theme“ und „Pirates of the Caribbean“ (Zugabe). Zum anderen gab es einen ganz besonderen Moment in der „Bagatelle“ von Josef Rixner, die als Musikstück zwar eher unscheinbar war, aber bei der die Zuschauer in einer für Klassik-Konzerte ganz ungewohnten Weise mitmachen und dabei etwas über Filmgeschichte lernen konnten. Von Moderator René Giessen animiert, wurden Filmgeräusche vom Pferdegalopp (Fußtrampeln) über Wind und Sturm (Zischen) und Jubelrufen zur Musik von den Zuhörern im Saal erzeugt – wie es in deutschen Filmpalästen vor genau 100 Jahren zu Stummfilmzeiten der Fall war.
Auch als Mundharmonikaspieler zeigte der in der Filmmusikwelt namhafte René Giessen in verschiedenen Soli seine großen Qualitäten (wenngleich das Mikro etwas zu nah an seinem Instrument war und die Verstärkung dadurch zu laut wirkte). Insgesamt ein mitreißender, sehr abwechslungsreicher Abend, an dem sich wieder einmal Arthur Schnitzlers (auf Opern bezogenes) Bonmot bewahrheitete: „Der Heldentenor bekommt zwar die Liebesbriefe, aber das Orchester ist es, das die Damen (und Herren) in Trance versetzt.“