Klavierpoesie von Weltgeltung

Man ließ es nicht ohne Zugabe von der Bühne gehen: das Czech National Symphony Orchestra. (Foto: Ulli Scharrer)

Artikel vom 22. Juni 2015

 

Igor Ardasev und das Czech National Symphony Orchestra Prag unter Leos Svárovsky in Straubing

Von Werner Haas

 

Was etwa 1300 Konzertbesucher in der Straubinger Stadthalle wie alljährlich als klassischen Vorspann zum folgenden  Jazzfestival erlebten, das darf man getrost als Kulturereignis höchsten Ranges werten – präsentiert wurde es von der Mediengruppe Straubinger Tagblatt / Landshuter Zeitung. Herausragende Spitze war unzweifelhaft der Pianist Igor Ardasev, der Frédéric Chopins Klavierpoesie, in Reinkultur vorhanden in seinem e-Moll-Konzert, wie kaum je zu erleben zum Leuchten brachte. Im Gegensatz zum früheren Salon nun fürs große Publikum.

 

Man schätzt diesen Gegenpol zur zerstrittenen Welt jetzt mehr denn je. Ardasev besitzt ein untrügliches Gespür für Chopins zwischen Kraft und Zerbrechlichkeit changierendes Idiom, und er animiert seine glänzenden Partner im Orchester dazu, dem herrlichen Werk einen klingenden Maßanzug zu verpassen, ihren oft geschmähten Part hörbar aufzuwerten. Gleichermaßen bestachen die penible (einheitliche) Phrasierung der Linien, die kammermusikalische Transparenz, wie die deutliche Abkehr von der etwas schwülstigen Art der großen, alten Chopin-Schule. Man kam aus dem Bewundern kaum heraus.

 

Da herrschten Seelentiefe, klares, gelöstes und unprätentiöses Spiel mit außerordentlichen Anschlagsqualitäten, vor allem im Pianissimo-Bereich, die Magie im ganz Leisen, ganz Verhaltenen, aber auch die Aura des dämonisch Albtraumhaften und Bizarren. Ardasev vermag sich auch als Virtuose der süßen Abgründe zu präsentieren. Enthusiasmus im Publikum. Zwei Zugaben (Smetana, Rachmaninow) waren zwingend.

 

Welch gutes  Orchester die Prager sind, zeigte sich im Rest des Programms. Natürlich stehen sie in der tschechischen Hauptstadt unter enormem Konkurrenzdruck, allen voran durch die Tschechische Philharmonie, musikalisches  Aushängeschild des Landes. Mendelssohn-Bartholdys beliebte Hebridenouvertüre offenbarte ein eminentes Gespür für den Einfallsreichtum des  Komponisten und seine strukturbildenden Registrierungen. Das wirkte inspiriert und spannungsvoll zugleich.

 

Schließlich Dvoráks naturnahe Tonpoesie in Gestalt des leider kaum im Konzertsaal zu hörenden dreiteiligen Zyklus „Natur – Leben (Karneval) – Liebe (Othello)". In dieser Sinfonischen Dichtung sucht der Komponist nach eigenem Bekenntnis die „Licht- und Schattenseiten des Lebens" einzufangen, zeichnet Naturidylle und Dramen menschlicher Empfindungen und Leidenschaften immer subtil, nie platt nach. Dvoráks späte Erzählhaltung war traumhaft sicher erfasst. Auch hier ließ man die tschechischen Gäste nicht ohne Zugabe (Slawischer Tanz) vom Podium.