Klangfülle und Feinschliff

Wolfram Graul dirigierte die BR-Symphoniker. (Foto: Ulli Scharrer)

Artikel vom 08. Juli 2013


Mitglieder des BR-Sinfonieorchesters und der Geiger Kosuke Yoshikawa

Von Werner Haas

 

Der Umstand, dass Münchens Spitzenorchester zeitgleich in der Landeshauptstadt ein großes Open-Air-Konzert bestritt, ließ Befürchtungen aufkommen, dass man in Straubing mit einer Zweitbesetzung vorlieb nehmen muss. Man dachte anders, als man Wagners Meistersingervorspiel, Härtetest für jeden Dirigenten und jedes Orchester, in einer hochachtbaren Version zu hören bekam. Wolfram Graul bot dieses Ideal einer eröffnenden Festmusik, im Jubiläumsjahr schlicht Pflichtprogramm, dankenswerterweise weniger pompös auftrumpfend als sie gelegentlich zu erleben ist, ließ ihre (bei Wagner sonst kaum zu findenden) humorvoll-parodistischen Untertöne spüren. Dass der heikle Absturz der ersten Geigen (T.38) nicht aus einem Guss kam, sondern leicht "streute", ist im Live-Konzert schon beinahe die Regel.

 

Dass wir von dem Geiger Antonin Dvorák nur ein Violinkonzert besitzen, verwundert. Dass es in den Aufführungsziffern immer noch deutlich hinter seinem Cellokonzert zurückbleibt, ebenso. Vielleicht ist mit ein Grund die schwer herzustellende Klangbalance Solo-Tutti. Schon der legendäre Geiger und Widmungsträger Joseph Joachim meldete dem Autor hierüber Bedenken an, dass der Solopart im stark besetzten Orchester leicht unterzugehen droht.

 

Wolfram Graul und der für Veronika Eberle kurzfristig eingesprungene Japaner Kosuke Yoshikawa erreichten in dieser Hinsicht vermutlich ein Optimum. Des letzteren kraftvoller, großer Geigenton, seine in den Ecksätzen virtuos-temperamentvolle, im Mittelsatz kantable, innige Gestaltung wurden dem schönen Werk voll gerecht. Das klang unaffektiert, musikantisch-locker. Nur nicht im rhythmisch leicht vertrackten Final-Allegro mit seinem folkloristischen Einschlag. Hier gab es (wegen mangelnder Probenmöglichkeit ?) kleine Abstimmungsschwächen, welche die insgesamt unverkrampfte Musizierhaltung ein wenig beeinträchtigten.

 

Schließlich Tschaikowskys Fünfte Sinfonie als grandioses, schicksalshaftes Eigenportrait des Komponisten, wirkungsvolles Vorzeigestück für jedes Orchester. Da waren nur eingangs die thematisch so wichtigen Klarinetten in ihren Sechzehntelfiguren gegenüber den Streichern unterbelichtet. Alles Weitere war voll im Lot: Die Tempi unpathetisch-flüssig, insgesamt keine überzogen draufgängerischen Kraftakte. Klanglich konnten die Streicher (auf der Basis von vier Kontrabässen) am meisten punkten. Großer, anhaltender Beifall der etwa 1200 Konzertbesucher in der Straubinger Fraunhoferhalle. Klassik an der Donau hat inzwischen ein Stammpublikum. Die Zuhörer wurden noch mit einem "Schlaflied" (Graul) belohnt: dem Adagio "Nimrod" aus den Enigma-(Rätsel-)Variationen von Edward Elgar.