Inspiration und Leidenschaft - Kritik über Klassik an der Donau 2012

Artikel vom 09. Juli 2012


Jan Simon und die Prager Rundfunksinfoniker

Von Werner Haas

 

Auch zeitlos gültige Gipfelwerke der Musik können runde Geburtstage haben. So sind Ludwig van Beethovens Chorfantasie, sein Es-Dur-Klavierkonzert und seine siebte Sinfonie 200 Jahre alt. Eine gute Idee, sie in einem Programm zusammenzuspannen. In diesen drei Werken spiegelt sich wie sonst kaum das geschichtsträchtige Jahr 1812, der Freiheitsgedanke nach dem napoleonischen Joch.

 

Ein Portrait des "Revolutionärs" Beethoven, Niederschlag seines ureigenen schöpferischen Willens, liefert seine Chorfantasie. Mit der Besetzung (Soli, Chor, Klavier und Orchester) und formal betritt er Neuland und eröffnet das Stück selbst als Solist am Flügel mit einer freien Improvisation. Jan Simon und die Prager Rundfunksinfoniker unter Leos Svárovsky banden den heiklen Flickenteppich der unter Zeitdruck für eine Festivität verfertigten Komposition souverän zur geschlossenen sinfonischen Gestalt. Unterstützend dabei ein klanglich sehr ausgewogenes, textverständliches Solistensextett. Gekrönt wurde das Ganze durch einen konturenstark wirkenden Chor (Kammerchor Straubing; Chor des Anton-Bruckner-Gymnasiums Straubing, Einstudierung Stefan Frank), der die Freudentöne der späteren Neunten eindringlich vorwegnahm, dennoch instrumental schlank blieb. Untergründig lodernde Euphorie, kein äußerlicher Kraftakt dann auch im dazu verführenden Es-Dur-Konzert. Vielleicht ließ die Vermeidung jedes Titanentums das Ganze etwas zu zahm erscheinen. Dennoch wirkte der Orchesterpart über weite Strecken vorbildlich in Sorgfalt und Stimmenreichtum, war der Dialog zwischen Solo und Tutti dynamisch ausgewogen. Einzig der Finalsatz schien im Tempo etwas überzogen, verlor etwas an Gewicht.

 

Schließlich die "Symphonie 1812", nach Th. W. Adorno Sie tönte schier maßstäblich, inspiriert und leidenschaftlich, ließ an grandiose Interpreten wie Carlos Kleiber denken. Da war alles vorhanden: kraftvolles Zupacken, scharfe Konturen, rascher Pulsschlag, ausgeprägter Sinn für Rhythmus. Das tönte ganz nach "Bürgerschreck der Epoche", nach hörbarer Revolution, Spiegel der emotionalen Situation des Individuums. Am Ende Ovationen und als passende Zugabe die Ouvertüre zur "Hochzeit des Figaro" des anderen "Revolutionärs", W. A. Mozart.